Gitarre und Bass Magazin

Interview von Angela Ballhorn

Scales dieser Name ist echt, obwohl er sich wie ein Künstlername anhört. Scales, übersetzt Tonleitern oder Skalen, mit diesem Namen ist man schon fast verpflichtet, zum Instrument zu greifen. Zwei Bayern mit englischem Vater haben genau das getan: Martin Scales(*1967) griff zur Gitarre, sein Bruder Patrick(*1965) zum Bass.
Die musikalische Wegstrecke, die die Scales-Brüder zusammen oder auch in getrennten Projekten und Bands zurückgelegt haben, ist beachtlich. Patrick ist seit vielen Jahren fester Bassist in Klaus Doldingers Kultformation Passport und unterrichtet an der Hochschule Mannheim/Heidelberg, und Bruder Martin ist seit neuestem Mitglied in Trompeter Till Brönners Band, zusammen mit Tim Lefebvre (b) und Zach Danziger (dr).
Ihr gemeinsames Projekt wurde 1997 mit dem "Blue Note Hennessey Jazz Award" belohnt - und einem Plattenvertrag.
Jetzt endlich, nach langer Zeit mit Aufnahmen, Mix, » Phototerminen und ähnlichem erscheint mit "Grounded" die neue CD der Scales Brothers, und zwar beim legendären Jazz-Label "Blue Note". Im Quintett mit Gästen groovt es ordentlich los.
Gitarrist Martin steuert die meisten Kompositionen bei und glänzt als Solist, der deutlich hörbar von Pat Metheny und brasilianischer Musik beeinflusst ist. Bassist Patrick hält sich mit Solospots zurück, ihm ist der groovende Untergrund an bundlosem und Bund-Bass wichtiger.
"Grounded" ist auf alle Fälle eine sehr gute Produktionen mit einigen Ohrwürmern, die richtig gute Laune macht.

 

G&B: Wie seid ihr beide zur Musik gekommen?
Patrick: Wir kommen aus einem sehr musikinteressierten Elternhaus. Mein Vater hat uns beide auch schon früh zu Jazz-Konzerten mitgenommen. Wir beide haben mit klassischer Gitarre angefangen. Ich habe zum Bass gewechselt, weil ich in einer Band mitspielen wollte, in der es schon zwei Gitarristen gab. Mit dem Bass durfte ich mitmachen.
Martin: Ich bin bei der Gitarre geblieben, was für mich von Anfang an ein bisschen knifflig war. Als Linkshänder spiele ich rechtshändig Gitarre.

 G&B: Ihr habt sehr schnell als Profis gearbeitet, und das in der Gegend von Gar-misch-Partenkirchen, wo ich mir nicht gerade eine rege Musikszene vorstellen kann.
 Martin: Da war eine Zeit lang musikalisch echt was los. In den amerikanische Hotels und der Army Base gab es immer viel Live-Musik. Da haben wir angefangen, regelmäßig in Bands zu spielen.
 Patrick: Ich hatte einen sehr guten Lehrer, der mir gleich auch Gigs in den amerikanischen Clubs besorgt hat. Die Amis, mit denen wir gespielt haben, waren doppelt so alt wie wir. Für die Schule war das natürlich nicht sonderlich gut, dass ich vier Abende in der Woche gespielt habe. Schließlich musste ich ein Schuljahr wiederholen.

 G&B: Was habt ihr für Musik für die Gls gespielt?
 Martin: So ziemlich alles von Pop, Rock bis hin zu Country, aber bei den Gigs haben wir auch die Musik von Miles Davis und Fusion kennen gelernt.
Patrick: In Jazz und Fusion haben wir uns reingekniet. Ich kann mich an die Zeit erinnern, in der Martin ganz viele Sachen von Mike Stern ausgecheckt hat, und abends bei Cover-Stücken der Doobie Brothers ganz merkwürdige Akkorde untergebracht hat.

 G&B: Was für Gitarristen hast du dir außer Mike Stern angehört?
 Martin: Vor allem Jimi Hendrix, der für mich immer noch der Größte ist. Unser Vater hat viel Jazz gehört, da fand ich Wes Montgomery und Bassist Stanley Clarke sehr interessant. Es war verflixt schwierig, in Garmisch Jazz-Platten aufzutreiben! Mein erstes Konzert, bei dem ich einen Jazz-Gitarristen gesehen habe, war mit Karl Ratzer. Da war ich 1 6. Karl Ratzer hat einen großen Einfluss auf mich gehabt, obwohl ich mich nicht als reinen Jazz-Gitarristen bezeichnen würde. Die Beatles haben mich inspiriert wie auch die Sängerin Joni Mitchell. Jaco Pastorius hat mich mindestens ebenso beeinflusst, wie Patrick. Als Gitarristen waren für mich noch John Scofield, Jeff Buckley und Pat Metheny wichtig. Außerdem bin ich ein großer Freund der brasilianischen Musik. Ich war mehrere Monate in Rio de Janeiro und habe dort Ivan Lins, Joao Bosco und Caetano Veloso für mich entdeckt.

 G&B: Patrick, wie sieht's bei dir mit den Einflüssen und Vorbildern aus?
 Patrick: Anthony Jackson, der jede Note so meint, wie er sie spielt. Marcus Miller, der auf vier Saiten zaubern kann, und natürlich Jaco Pastorius. Ich stehe total auf den Fender-Bass-Sound. Nathan East und Jeff Andrews waren für mich ebenfalls große Einflüsse.

 G&B: Ihr beide habt auch eine Zeit lang in den USA gelebt und gelernt.
Martin: Ich habe an der New School of Music studiert. Mich hat es lustigerweise mit meiner kompletten Münchner Musiker-WG dorthin verschlagen (Henning Sieverts/b, Johannes Enders/sax und Falk Willis/dr). Ich habe unter anderem bei Vic Juris und Jay Azzolino studiert. Den Motivationsschub, den ich dort bekommen habe, kann man sich nicht vorstellen. Gleich, nachdem ich wieder in Deutschland war, habe ich mich an der Kölner Hochschule eingeschrieben. Abgeschlossen habe ich das Studium nicht, ich hatte zu viele Jobs, was ja auch nicht schlecht ist!
Patrick: Ich habe verschiedene Workshops besucht. Jeff Andrews war einer meiner Lehrer. Ganz wichtig waren mir auch die paar Gespräche, die ich mit Anthony Jackson führen konnte. Die waren mir fast wichtiger als ein ganzes Jahr Unterricht!

 G&B: Wie sieht's mit musikalischen Erfahrungen aus?
 Martin: Ich habe Anfang der 90er Jahre in Herbolzheimers Bundesjugend-Jazz-Orchester gespielt und war zwei Jahre mit der Hammond-Organistin Barbara Dennerlein auf Tour. Dann gibt's die Band "Scalesenders", bei der Patrick auch mitmacht, und ab und zu springe ich für Peter O'Mara bei Doldingers Passport ein.
Patrick: Und bei dieser Band bin ich seit mehr als sechs Jahren fest dabei, was anfangs ein ganz komisches Gefühl war - ich war immer ein Fan von Passport, und auf einmal bin ich dabei. Seither gab es Tourneen durch Indien, Afrika, die USA, und auf allen großen Festivalbühnen haben wir gespielt. Außerdem habe ich schon mit Till Brönner (tp), Robben Ford (g), Terri Lyne Carrington (dr), Dave Samuels (vibes) und Randy Brecker (tp) gearbeitet. 1996 bin ich Dozent an der Hochschule Mannheim/Heidelberg geworden, 1998 am Richard Strauß-Konservatorium in München. Die "Zappelbude" sollte man nicht vergessen, das ist eine Band von Drummer Wolfgang Haffner mit Keyboarder Roberto DiGioia, da sind auch Martin und ich dabei; da gibt's alles mögliche Tanzbare. Disco, Hip Hop, Soul Jazz - macht Mordsspaß!

 G&B: Wie würdet ihr selber eure Musik auf der neuen CD ,Grounded' umschreiben?
 Patrick: Den Vorläufer, ,0ur House' von 1997, würde ich mit dem Wort "erdig" umschreiben. Reiner Jazz ist es auf keinen Fall, das wäre mit E-Bass sowieso nicht authentisch zu spielen. Bei den Scales Brothers findet sich eine Mischung von brasilianischer und afrikanischer Musik, die sich mit Fusion und Soul Jazz mischt. Bei der neuen Platte haben wir nur mit einer festen Besetzung aufgenommen, Peter Wrba spielt Schlagzeug, Christian Lohr sitzt an den Keyboards und Adrian Mears steuert Posaune und Did-geridoo bei.
 Martin: Sound ist uns wichtig, und Abwechslung. Leiseres mit der Akustikgitarre, überhaupt akustische Sounds mit Klavier, Posaune und wenig Effekten. Sogar ein Akkordeon kommt auf ,Grounded' zum Einsatz! Wir sind sehr zufrieden mit den Aufnahmen. Alles hat etwas länger gedauert als geplant, aber meiner Meinung nach ist ,Grounded' eine sehr runde Platte. Hoffentlich ergibt sich eine größere Tour, damit wir unsere Musik live vorstellen können.

Equipment:

Patrick Scales spielt einen Fender Jazz-Bass, einen fretless Fender Precision-Bass, einen Human Base 6-Saiter. Zur Verstärkung benutzt er einen Hartke HA 7000 plus zwei SWR Goliath 3 Boxen.

 Gitarrist Martin Scales geht ins Detail: "Seit ca. einem Jahr spiele ich hauptsächlich eine alte George Benson von Ibanez, die habe ich gebraucht gekauft; und seit neuestem habe ich auch eine Gibson ES 335 von 1969, ebenfalls 2nd hand.
Jahrelang habe ich ausschließlich eine Gibson Les Paul Custom gespielt; ich besitze sie seit 12 Jahren. Sie ist u. a. auf unserer letzten CD ,0ur House' öfter zu hören. Seit einer Weile wartet sie im Koffer. Auf der aktuellen CD ,Grounded' sind folgende Instrumente zu hören:
1. Eine Keller-Strat (Keller ist. ein Gitarrenbauer in München), sie ist leicht zu spielen, wie übrigens alle von mir hier genannten Instrumente, und hat ihren eigenen Sound, der nur zum Teil richtig Strat-mäßig kommt.
2. Eine Hollow-Body namens Lyngdal, eine kleine kalifornische Firma.
3. Eine geliehene akustische Stahlsaitengitarre von Lakewood.
Die Hollow-Body-Gitarren spiele ich bei nicht ganz so lauten Gigs oder bei Aufnahmen meistens über einen Thunder 50-Watt-Röhren-Amp von Engl: erstens, weil ich den Sound mag, und zweitens, weil er so wenig wiegt.
Bei lauteren Gigs habe ich mit dem The Twin von Fender gute Erfahrunger gemacht, dem Amp mit den roten Knöpfen, den gibt es glaube ich nur noch gebraucht. Die Strat spiele ich meistens über einen Mesa/Boogie Mark n Combo.
Jahrelang habe ich an Multieffektgeräten herumprogrammiert, aber seit zwei drei Jahren benutze ich meistens wieder die guten alten Pedals: Dunlop Cry Baby WahWah, Rat-Distortion (oder Distortion im Amp), Boss Volume Pedal Boss DD3 Digital Delay. Das war's."

 

Story: angela ballhorn

Foto: sabine grudda